#1 Camden - ein Abschied

Der Kreis schliesst sich für mich an einem vorherbstlichen Abend in Camden, London. Die milde Temperatur lockt die Menschen auf die Strassen, eine bunte, international gemischte Käuferschar scheint mich aufzufordern, mit ihr die Zeit zu vergessen und zur Ruhe zu kommen. Diese permanente Geräuschkulisse, dieser typische Geruch - genau wie vor zwanzig Jahren. Ein Spaziergang durch die Strassen der Erinnerung. Manches ändert sich nie. Der Duft von Billigkosmetika und Räucherstäbchen strömt aus Geschäften auf die Strasse. Dann dieses Gemisch aus Curry, Abgasen und dem süsslich-faulen Gestank aus dem Abwassersystem, das die Millionenstadt unterirdisch verbindet: das alles gehört zu meinem London.

Ich schnappe mir Fish and Chips, ein kräftiges Stout, lasse mich auf einer Mauer nieder und geniesse den Zustand seelischer Schwerelosigkeit. Ein Junge südländischer Herkunft sitzt neben mir und zieht an seiner schiefen Selbstgedrehten. Seine Augen folgen sichtlich interessiert einer Gruppe vorbeigehender Skandinavierinnen. Eine pakistanische Familie zwängt sich an einem Strassenmusiker vorbei, der in einer Art Papageienkostüm in einer engen Fussgängerpassage ein beeindruckendes Arsenal an Klangkörpern aus allen Erdteilen auf einem Teppich ausgebreitet hat. Mit wilder Entschlossenheit stürzt er sich in seine Performance , als wolle er dem Bösen in dieser Welt akustisch den Garaus machen. Eine junge Frau steht wie versteinert da und lauscht den Klängen, während sich ihre Augenlider im Takt bewegen. Ihr kleiner schwarzer Scotch Terrier hingegen findet weniger Gefallen am trommelnden Exoten und zieht energisch an der Leine. Auch ein gut gekleidetes Paar Mitte Dreissig bleibt stehen. Sie will ein Selfie mit dem Musiker im Hintergrund, er lacht und zückt sein Smartphone.

Ich will eben einen kräftigen Schluck Bier nehmen, als ich einen unglaublich lauten Knall höre und augenblicklich mit grosser Wucht von einer Druckwelle nach vorne geschleudert werde. Als wäre ich von einem LKW erfasst worden. Alles um mich herum wird schwarz. Als ich wieder zu mir komme, finde ich mich am Boden wieder und stelle fest, dass ich fast nichts mehr höre. Als hätte jemand meinen inneren Volumenregler von 10 auf 3 runtergedreht. Ein erster fürchterlicher Gedanke schiesst mir durch den Kopf. Ich sehe alles verschwommen. Von jetzt an geschieht alles in Zeitlupe. Die Welt steht beinah still. Wie durch Watte hindurch höre ich Schreie, die durch Mark und Bein gehen. Meine Sicht wird langsam wieder klarer und mit ihr auch die dumpfe Ahnung, dass sich mein Gedanke zu bewahrheiten scheint. Es gibt eigentlich ab sofort kein „Ich“ mehr, nur etwas, das mit reduzierten Sinnen das Geschehen wie von Fern registriert. Ich spüre meinen Körper nicht mehr. Null. Nichts, das sich irgendwie bewegen liesse. Ein unwirklicher Zustand. Es riecht verbrannt.

Die Schreie halten an. Mein Verstand diktiert mir, nun eigentlich in Panik verfallen zu müssen, doch fehlen mir dazu offenbar die physischen Kräfte. Das Unglaubliche daran ist, dass ich dies weiss. Es dämmert mir mehr und mehr, was da eben geschehen war. Und trotzdem beobachte ich ganz ruhig und irgendwie sachlich, was nun vor sich geht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich schwer verletzt bin, wird mir immer bewusster. Es besteht für mich jedoch keine Möglichkeit, dem genauer nachzugehen. Denn mein Körper liegt reglos da, gefühls- und schmerzfrei, unfähig zu einer Aktion. Ich habe nur eine Blickrichtung. Ich verliere das Gefühl für Zeit und Raum, drifte weg, komm wieder zu mir. Zu den Schreien mischen sich irgendwann Sirenen. Die Strasse flackert im blauen Licht. Plötzlich verändert sich mein Sichtfeld und ich realisiere, dass ich bewegt werde. Als sie die Trage anheben, bietet sich mir ein kurzer Anblick der Verwüstung. Überall liegen Trümmer, blutige Kleider, Einkaufstüten, Menschen. Verstummt von einer Sekunde auf die andere. Ein Mädchen liegt auf dem Bauch wie eine grosse Puppe die alle Glieder von sich streckt. Der Mann, der eben im Begriff war ein Selfie zu schiessen, liegt nun grotesk verrenkt auf der Motorhaube eines geparkten Autos. Er starrt ins Leere. Alles ist voller Splitter. Tausend kleine Teilchen. Mein Blick fällt auf ein vertrautes Kleidungsstück und einen rotweissen Puma-Sneaker. Meine Hose, mein Schuh. Das Ganze ist ein Bein. Mein Bein! Sie heben es hoch.

Sie haben mich eingeladen. Nun ist es gespenstisch ruhig. Ich weiss wir fahren. Das Zucken des blauen Lichts, die ständige Reflektion von den Wänden und Verkehrsschildern. Wie von fern höre ich das an- und abschwellende Heulen des Signalhorns. Wir sind offenbar schnell unterwegs. Ich kann nichts spüren, doch ich sehe, wie die Kabel und Schläuche über meinem Kopf hin- und her schaukeln. Ich weiss, ich bin randvoll mit Medikamenten und sie versuchen wahrscheinlich verzweifelt, meine Blutung in den Griff zu kriegen. Und doch – bin wirklich ich es, der in diese Notlage geraten ist? Paradoxerweise überkommt mich nun eine nie gekannte innere Ruhe, das Gefühl echten Friedens und Wärme. Meine Seele scheint sich auf etwas Grosses vorzubereiten.

Ich sehe und höre mittlerweile nichts mehr. Die Sirene ist verstummt. Alles andere um mich herum ebenfalls. Es gibt keinen Grund zur Angst. Plötzlich macht alles Sinn. Die Erde ist rund. Der Tagesablauf ist rund. Wir starten bei null, passieren die 12, um wieder bei null zu landen. Das ist das Leben. Wir erblicken in den Morgenstunden das Licht der Welt, gedeihen, erreichen den Mittag in voller Kraft, wie die Sonne am Himmel. Wir verlieren gegen den späten Nachmittag hin unsere Energie, um endlich in den Abendstunden wieder die Augen zu schliessen. Die Sonne bleibt. Sie bleibt unseren Blicken eine Zeitlang verborgen, wird am nächsten Tag aber von Neuem erstrahlen. Ein Kreislauf. Die Pflanze, die aus einem Samen entsteht, ihre Aufgabe erfüllt und verwelkt. Eine neue kommt nach. Die Biene, die Blüte. Das Chamäleon, welches sich farblich der Umgebung anpasst. Es existiert nur noch mein Innerstes, welches leichter und leichter wird. Der Vogel, dessen Schwingen die richtige Form erhalten haben, ihn fliegen zu lassen. Ich hebe ab und fliege.

Ich kreise über dem Gebirge, sehe die Welt von oben. Gletscher, Täler, Wälder, den Sonnenaufgang, den Sonnenuntergang. Ich rieche die Alpwiesen, sehe die flirrende Hitze aufsteigen. Der Geruch eines Holzfeuers, das Knacken der Äste in der Glut, emporsteigende Funken. Das Summen der Bienen, das Zirpen der Grillen, den kühlen Wald, dessen moosige, feuchte Erde, das eiskalte Wasser des Baches – all dies fühle ich so intensiv wie noch nie zuvor. Ich stehe unter dem Wasserfall. Ich höre das Peitschen der Wogen im Sturm, das beruhigende Rauschen der Brandung am Strand. Der Schlick, das Kreischen der Möwen. Ich sinke wie ein Stein hinab in die Tiefen des Ozeans, schwimme mit den Delphinen. Ich schaue in die Unendlichkeit des Weltalls, in die tiefe blaue Nacht, lasse mich von den Sternen und vom Mond verzaubern. Ich spüre die drückende Hitze im Sommer, den erlösenden Wind, der die Ähren auf den Getreidefeldern wiegt, sehe die langsam aufziehenden schwarzen Wolken, das herannahende Gewitter. Spüre den ersten Tropfen, rieche den nass werdenden Asphalt. Ich höre das beruhigende Prasseln dicker Wassertropfen auf dem Dach, stehe im Monsunregen und tanze mit Blitz und Donner. Kirschblüten im Frühling, rotes Laub im Herbst, Atemwolken im Winter. Ich rieche den Schnee, atme die klirrende Kälte ein. Ich sehe mich als kleinen Jungen, meine Mutter, meine Geschwister, meinen Vater. Mein erster Schultag, meine Freunde. Tränen der Freude, Tränen der Trauer. Der erste Kuss. Der erste Schmerz. Die elterliche Geborgenheit, Trost, Ermutigung. Das Lernen, das Weitergeben, das Vergeben. Das Kennenlernen, gemeinsame Momente des Glücks. Gemeinsame Momente der Trauer. Das Wunder, die eigenen Kinder heranwachsen zu sehen. Das Lachen. Das Weinen. Das Abschiednehmen. Ich wurde geliebt, ich habe geliebt. Das Gefühl der Versöhnung.

Ich bin unendlich dankbar und weiss jetzt genau: Ich habe gelebt.