Geschichten über Leben & Tod im "Jahrestakt" - short stories, die an Herz und Nieren gehen und manchmal auf den Magen schlagen. Frisch von der Leber...

#2 Salzspuren - eine eher kurze Lovestory 

Dieser kleine beleibte Kerl mit Lockenhaupt, Flügeln, Pfeil und Bogen bewegt. Amor. Er treibt uns Menschen an, lässt uns gelegentlich aber auch ganz schön dumm dastehen. Er nickt uns anerkennend zu, um uns dann im nächsten Augenblick zu verspotten.

Ich, eben sechzehn 16 Jahre alt geworden, verliebte mich als Teenager während eines Klassenlagers unsterblich in eine Mitschülerin.

Neben unserem Lagerhaus befand sich eine Art Pavillon, in dem wir unsere sogenannten „bunten Abende“ ins Leben riefen. So gaben wir uns in trauter Gemeinsamkeit zu schnulzigen Slows von Alphaville und Spandau Ballet ziemlich unbeholfen dem Paartanz hin. An einem solchen Abend geschah etwas Seltsames. Das Mädchen meiner Träume und ich beobachteten am Rande des Geschehens die Tanzwütigen im Halbdunkel, als sich unsere Hände plötzlich berührten. Das heisst, eigentlich umfasste ich ihre und sie meine. Das Merkwürdige an der Sache war, dass es im exakt gleichen Moment geschah. Wir dachten offenbar dasselbe. Telepathie.

Es durchfuhr mich wie ein Blitz. Augenblicklich schoss mir das Blut mit Hochdruck ins Denkzentrum und überlastete sämtliche Schaltstellen. Die Synapsen glühten und stellten für einen kurzen Augenblick ihren Betrieb ein. Ich kriegte keinen klaren Gedanken mehr auf die Reihe, mein Magen setzte zu einem Salto an. Tausend Dinge schossen mir gleichzeitig durch den Kopf. Mein Serotonin feierte eine Party. Ich war im siebten Himmel, gleichzeitig aber restlos überfordert mit der neuen Situation.

Wie aber nun weiter? Wir hielten uns an den Händen und rückten einander näher, sachte und langsam, bis wir Schulter an Schulter dasassen. Der Druck ihres Oberkörpers übertrug sich sanft auf meinen. Ihr schon hundertmal flüchtig wahrgenommener Duft war jetzt allpräsent, nebelte mich ein. Ich war gefangen wie der Fisch im Netz. Den nächsten Schritt anstrebend verliessen wir nun so unauffällig wie möglich den Raum, was in der Dunkelheit nicht allzu schwer zu bewerkstelligen war und schlichen uns nach draussen. Die vorherbstlich frische Nachtluft bot einen willkommenen Kontrast zum stickig heissen, von Teenagerschweiss dominierten Mief. Eigentlich war besagter Geruch undefinierbar, vereinten sich doch diverse weitere Komponenten zu einem veritablen Dampfbad der Aerosole. Auf jeden Fall waren wir froh darüber, unserem neu gefundenen Glück einen Szenewechsel bieten zu können.

Der Himmel war sternenklar. Des nahen Waldes Silhouette zeichnete sich deutlich vom erhellten Nachthimmel ab. Mittlerweilen war es kalt geworden, doch konnte uns dies nichts anhaben, denn wir begannen, uns zögernd zu umarmen. Ich wusste nicht wie mir geschah. Irgendwie erschien mir alles surreal, einem Film gleich. Eine Sitzbank am Waldrand lud zum Verweilen ein. Wir liessen uns auf ihr nieder und versanken im Schweigen zweier Frischverliebten, denen die Worte fehlten und die sich in ein verlegenes Sich-Anlächeln mit scheuem Augenkontakt flüchteten. Die Aussicht über den nahegelegenen See war überwältigend. Glitzernden Pailletten gleich, spiegelten sich die Lichter des Dorfes am gegenüberliegenden Ufer und das der Sterne auf der glatten Oberfläche wieder, welche wie ein tintenschwarzes Tuch dalag.

Das Magische dieses Augenblicks hatte uns in seinen Bann gezogen. Jeglicher Begriff von Zeit hatte sich verflüchtigt. Mit Ausnahme des zeitweise dumpfen Klingens vereinzelter Kuhglocken war es gespenstisch still um uns herum war. Die gemütlichen Tiere hoben erstaunt ihre Köpfe und erweckten so den Anschein, als nickten sie uns nächtlichen Besuchern freundlich ermunternd zu. Den weiteren Verlauf der Dinge steuerte die Natur, welche uns lange genug so beobachtet hatte und sich unser erbarmte. Es folgte ein filmreifer erster Kuss. Ich sog diesen Moment mit all meinen Sinnen tief ein. Wir mussten eine Ewigkeit so verbracht haben, denn als wir schlussendlich den Rückweg antraten, waren die Lichter im Pavillon bereits aus und die tanzende Meute hatte sich ins Haus zurückgezogen. Ein Wink des Schicksals? Eine unsichtbare Hand geleitete uns zurück zum Pavillon, wo wir uns den Luxus einer nun leeren Tanzfläche zunutze machten. Wir spulten die Kassette (ja, richtig, die Dinger mit Magnetband und zwei Löchern) an den Anfang zurück und wiegten uns im Dunkeln eng umschlungen zu Frankie Goes To Hollywood. Deren Power of Love hatte voll zugeschlagen. Irgendwann gesellte sich ein einziger stiller Beobachter dazu: Der Mond, der sein Antlitz langsam vor eines der Fenster dieses kleinen Chalets schob. Er warf sein fahles Licht auf uns einsame Tänzer und liess unsere langen Schatten gespenstisch über den Holzboden gleiten.

Liebe macht blind. Sie hatte mich geblendet und verzerrte meine Wahrnehmung. So war ich mir, jugendlich-naiv, unserer gemeinsamen Zukunft sicher. Es gab für mich keinen Zweifel, in dieser Nacht am See die Liebe fürs Leben gefunden zu haben. Daran gab es nichts zu rütteln. Vielleicht wollte ich auch gar nichts anderes wahrhaben. Zurück im Schulalltag und dem schulischen Endspurt ins Auge blickend, begann ich, die sich bereits erschreckend früh häufenden Anzeichen einer Veränderung krampfhaft zu verdrängen. - Aus heutiger Sicht ist mir klar, dass wir im Moment der Abreise aus diesem Lager den Zauber des Pavillons zurückgelassen haben. Wenn ich mich recht entsinne, hatte bereits am darauffolgenden Tag der Glanz des Glücks etwas von seiner ursprünglichen Kraft eingebüsst.

Doch Amors Pfeil hatte mich getroffen und er steckte mit Widerhaken tief in meinem Herzen. Ich war nur empfänglich für die Liebe, alles andere konnte mir gestohlen bleiben. Ihr Feuer verlor merklich an Kraft, bereits kurze Zeit nach unserer Rückkehr in den Schulalltag. Meines hingegen machte sich fröhlich daran, noch mehr zu lodern. Auf dem Pausenhof lief ich ihr hinterher, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Es entging mir dabei vollends, dass ich mich so zum Vollidioten machte und meinen Kollegen Anlass zu Gespött gab.

Sie war Sportlerin. Oft verbrachte ich Stunden hinter dem dicken Glas im Zuschauerraum der Sporthalle. In kindlicher Vorfreude erwartete ich jeweils das Spielende und damit den Moment, sie in den Armen halten zu dürfen. Das Spiel war vorbei und ich sah sie auf direktem Weg in Richtung Garderobe verschwinden. Eine gefühlte Stunde später erschien sie in einer Gruppe von Teamkolleginnen und schritt zielbewusst dem Ausgang entgegen. Sie war schöner denn je. Ihr Anblick raubte mir den Verstand. An mich verschwendete sie beim Hinausgehen jedoch lediglich einen flüchtigen Seitenblick, bestärkt durch ein "Ah hallo, du bist auch hier?". Jeder normale Mensch hätte sich an dieser Stelle vertraulich an sein Ego gewandt und wäre der unterschwelligen Aufforderung nachgekommen, nun endlich einen stillen Abgang zu machen. Ich aber blieb. Hartnäckig wie eine Klette, klebrig wie Honig, nur nicht so süss. Etwa eine Woche nach diesem Ereignis wurde es ihr definitiv zu bunt und sie erledigte kurz und bündig, was ihrer Meinung nach in dieser Situation zu tun war. In einer eisigen Nacht nach einem weiteren Training, es war mittlerweile Winter geworden, begleitete ich sie nach Hause. Lange standen wir frierend in der Einfahrt zu ihrem Elternhaus. Anfangs herrschte eine peinliche Stille, doch das Unvermeidliche lag in der Luft. Irgendwann schaute sie mich ernst an. Meine Innereien zogen sich zusammen. Dann ging sie zum Angriff über: "Hast du etwas bemerkt in letzter Zeit?" Oh, ja, und ob ich etwas bemerkt hatte. Auch die ganze übrige Welt hatte etwas bemerkt. Das Torpedorohr wurde geladen, das Ziel fixiert und der Todesschuss abgefeuert: "Hör mal, ich denke es hat keinen Sinn mehr. Ich kann nicht mehr." Die letzten vier Worte schienen in einem Dom zu verhallen. Sie hatte es ausgesprochen, es gab keinen Weg zurück. Nun drehte sie sich langsam Richtung Haus und befreite sich sanft aber bestimmt aus meiner Umarmung. An ihrer schwarzen Jacke steckte ein rotes durchsichtiges Plastikherz, welches mir zum Abschied hämisch zugrinste. Wie ein verwundeter Löwe, der sich noch ein letztes Mal aufbäumt, stammelte ich sowas wie „aber ich liebe dich …“ Sie nickte mir zu als wolle sie sagen „ich weiss…“. Das war es dann. Sie schritt langsam zur Haustüre. Bevor sie diese aufschloss, drehte sie sich noch einmal zu mir um. Dann fiel der Vorhang.

Es blieb mir nichts anderes als den Rückzug anzutreten. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und begann, mechanisch in die Pedale zu treten. In meinem Hals bildete sich zunehmends ein schmerzender Kloss, der mir die Luft abschnitt. Irgendwann verwandelte er sich in ein erlösendes Weinen. Ich war am Boden zerstört. Die Welt um mich herum schwieg. So heulte ich los, während ich immer schneller fuhr. Die Strassenlampen funkelten durch den Tränenvorhang hindurch wie Riesendiamanten. Der Fahrtwind blies mir die eisige Winterluft ins Gesicht und hinterliess dort kleine salzige Rinnsale.

Die Zeit ist ein Perpetuum mobile, das sich dreht und dreht. Sie heilt Wunden. So hüten wir alle unsere vergangenen, fürs Leben prägenden Momente wie einen Schatz. Meilensteine auf unserem ganz persönlichen Weg, Erinnerungen für die Ewigkeit. Wir hüten sie entweder ganz für uns alleine in unseren Herzen oder lassen Andere andere daran teilhaben. Und wenn unseren Kindern Ähnliches widerfährt, was sicher ist wie das Amen in der Kirche, so können wir nur danebenstehen und sagen "es kommt wieder gut“. Es wird zwar das Letzte sein, was sie von uns hören wollen. Deshalb lassen wir es ihnen zuliebe am besten ganz sein, lassen sie ihre eigenen Erfahrungen machen und begeben uns stattdessen auf die Reise zurück in unsere eigene Jugend.

Wir erinnern uns wehmütig an einen Abend im ausklingenden Sommer, an einen Pavillon, an eine kühle und monderhellte Nacht.

 

#1 Camden - ein Abschied 

Der Kreis schliesst sich für mich an einem vorherbstlichen Abend in Camden, London. Die milde Temperatur lockt die Menschen auf die Strassen, eine bunte, international gemischte Käuferschar scheint mich aufzufordern, mit ihr die Zeit zu vergessen und zur Ruhe zu kommen. Diese permanente Geräuschkulisse, dieser typische Geruch - genau wie vor zwanzig Jahren. Ein Spaziergang durch die Strassen der Erinnerung. Manches ändert sich nie. Der Duft von Billigkosmetika und Räucherstäbchen strömt aus Geschäften auf die Strasse. Dann dieses Gemisch aus Curry, Abgasen und dem süsslich-faulen Gestank aus dem Abwassersystem, das die Millionenstadt unterirdisch verbindet: das alles gehört zu meinem London.

Ich schnappe mir Fish and Chips, ein kräftiges Stout, lasse mich auf einer Mauer nieder und geniesse den Zustand seelischer Schwerelosigkeit. Ein Junge südländischer Herkunft sitzt neben mir und zieht an seiner schiefen Selbstgedrehten. Seine Augen folgen sichtlich interessiert einer Gruppe vorbeigehender Skandinavierinnen. Eine pakistanische Familie zwängt sich an einem Strassenmusiker vorbei, der in einer Art Papageienkostüm in einer engen Fussgängerpassage ein beeindruckendes Arsenal an Klangkörpern aus allen Erdteilen auf einem Teppich ausgebreitet hat. Mit wilder Entschlossenheit stürzt er sich in seine Performance , als wolle er dem Bösen in dieser Welt akustisch den Garaus machen. Eine junge Frau steht wie versteinert da und lauscht den Klängen, während sich ihre Augenlider im Takt bewegen. Ihr kleiner schwarzer Scotch Terrier hingegen findet weniger Gefallen am trommelnden Exoten und zieht energisch an der Leine. Auch ein gut gekleidetes Paar Mitte Dreissig bleibt stehen. Sie will ein Selfie mit dem Musiker im Hintergrund, er lacht und zückt sein Smartphone.

Ich will eben einen kräftigen Schluck Bier nehmen, als ich einen unglaublich lauten Knall höre und augenblicklich mit grosser Wucht von einer Druckwelle nach vorne geschleudert werde. Als wäre ich von einem LKW erfasst worden. Alles um mich herum wird schwarz. Als ich wieder zu mir komme, finde ich mich am Boden wieder und stelle fest, dass ich fast nichts mehr höre. Als hätte jemand meinen inneren Volumenregler von 10 auf 3 runtergedreht. Ein erster fürchterlicher Gedanke schiesst mir durch den Kopf. Ich sehe alles verschwommen. Von jetzt an geschieht alles in Zeitlupe. Die Welt steht beinah still. Wie durch Watte hindurch höre ich Schreie, die durch Mark und Bein gehen. Meine Sicht wird langsam wieder klarer und mit ihr auch die dumpfe Ahnung, dass sich mein Gedanke zu bewahrheiten scheint. Es gibt eigentlich ab sofort kein „Ich“ mehr, nur etwas, das mit reduzierten Sinnen das Geschehen wie von Fern registriert. Ich spüre meinen Körper nicht mehr. Null. Nichts, das sich irgendwie bewegen liesse. Ein unwirklicher Zustand. Es riecht verbrannt.

Die Schreie halten an. Mein Verstand diktiert mir, nun eigentlich in Panik verfallen zu müssen, doch fehlen mir dazu offenbar die physischen Kräfte. Das Unglaubliche daran ist, dass ich dies weiss. Es dämmert mir mehr und mehr, was da eben geschehen war. Und trotzdem beobachte ich ganz ruhig und irgendwie sachlich, was nun vor sich geht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich schwer verletzt bin, wird mir immer bewusster. Es besteht für mich jedoch keine Möglichkeit, dem genauer nachzugehen. Denn mein Körper liegt reglos da, gefühls- und schmerzfrei, unfähig zu einer Aktion. Ich habe nur eine Blickrichtung. Ich verliere das Gefühl für Zeit und Raum, drifte weg, komm wieder zu mir. Zu den Schreien mischen sich irgendwann Sirenen. Die Strasse flackert im blauen Licht. Plötzlich verändert sich mein Sichtfeld und ich realisiere, dass ich bewegt werde. Als sie die Trage anheben, bietet sich mir ein kurzer Anblick der Verwüstung. Überall liegen Trümmer, blutige Kleider, Einkaufstüten, Menschen. Verstummt von einer Sekunde auf die andere. Ein Mädchen liegt auf dem Bauch wie eine grosse Puppe die alle Glieder von sich streckt. Der Mann, der eben im Begriff war ein Selfie zu schiessen, liegt nun grotesk verrenkt auf der Motorhaube eines geparkten Autos. Er starrt ins Leere. Alles ist voller Splitter. Tausend kleine Teilchen. Mein Blick fällt auf ein vertrautes Kleidungsstück und einen rotweissen Puma-Sneaker. Meine Hose, mein Schuh. Das Ganze ist ein Bein. Mein Bein! Sie heben es hoch.

Sie haben mich eingeladen. Nun ist es gespenstisch ruhig. Ich weiss wir fahren. Das Zucken des blauen Lichts, die ständige Reflektion von den Wänden und Verkehrsschildern. Wie von fern höre ich das an- und abschwellende Heulen des Signalhorns. Wir sind offenbar schnell unterwegs. Ich kann nichts spüren, doch ich sehe, wie die Kabel und Schläuche über meinem Kopf hin- und her schaukeln. Ich weiss, ich bin randvoll mit Medikamenten und sie versuchen wahrscheinlich verzweifelt, meine Blutung in den Griff zu kriegen. Und doch – bin wirklich ich es, der in diese Notlage geraten ist? Paradoxerweise überkommt mich nun eine nie gekannte innere Ruhe, das Gefühl echten Friedens und Wärme. Meine Seele scheint sich auf etwas Grosses vorzubereiten.

Ich sehe und höre mittlerweile nichts mehr. Die Sirene ist verstummt. Alles andere um mich herum ebenfalls. Es gibt keinen Grund zur Angst. Plötzlich macht alles Sinn. Die Erde ist rund. Der Tagesablauf ist rund. Wir starten bei null, passieren die 12, um wieder bei null zu landen. Das ist das Leben. Wir erblicken in den Morgenstunden das Licht der Welt, gedeihen, erreichen den Mittag in voller Kraft, wie die Sonne am Himmel. Wir verlieren gegen den späten Nachmittag hin unsere Energie, um endlich in den Abendstunden wieder die Augen zu schliessen. Die Sonne bleibt. Sie bleibt unseren Blicken eine Zeitlang verborgen, wird am nächsten Tag aber von Neuem erstrahlen. Ein Kreislauf. Die Pflanze, die aus einem Samen entsteht, ihre Aufgabe erfüllt und verwelkt. Eine neue kommt nach. Die Biene, die Blüte. Das Chamäleon, welches sich farblich der Umgebung anpasst. Es existiert nur noch mein Innerstes, welches leichter und leichter wird. Der Vogel, dessen Schwingen die richtige Form erhalten haben, ihn fliegen zu lassen. Ich hebe ab und fliege.

Ich kreise über dem Gebirge, sehe die Welt von oben. Gletscher, Täler, Wälder, den Sonnenaufgang, den Sonnenuntergang. Ich rieche die Alpwiesen, sehe die flirrende Hitze aufsteigen. Der Geruch eines Holzfeuers, das Knacken der Äste in der Glut, emporsteigende Funken. Das Summen der Bienen, das Zirpen der Grillen, den kühlen Wald, dessen moosige, feuchte Erde, das eiskalte Wasser des Baches – all dies fühle ich so intensiv wie noch nie zuvor. Ich stehe unter dem Wasserfall. Ich höre das Peitschen der Wogen im Sturm, das beruhigende Rauschen der Brandung am Strand. Der Schlick, das Kreischen der Möwen. Ich sinke wie ein Stein hinab in die Tiefen des Ozeans, schwimme mit den Delphinen. Ich schaue in die Unendlichkeit des Weltalls, in die tiefe blaue Nacht, lasse mich von den Sternen und vom Mond verzaubern. Ich spüre die drückende Hitze im Sommer, den erlösenden Wind, der die Ähren auf den Getreidefeldern wiegt, sehe die langsam aufziehenden schwarzen Wolken, das herannahende Gewitter. Spüre den ersten Tropfen, rieche den nass werdenden Asphalt. Ich höre das beruhigende Prasseln dicker Wassertropfen auf dem Dach, stehe im Monsunregen und tanze mit Blitz und Donner. Kirschblüten im Frühling, rotes Laub im Herbst, Atemwolken im Winter. Ich rieche den Schnee, atme die klirrende Kälte ein. Ich sehe mich als kleinen Jungen, meine Mutter, meine Geschwister, meinen Vater. Mein erster Schultag, meine Freunde. Tränen der Freude, Tränen der Trauer. Der erste Kuss. Der erste Schmerz. Die elterliche Geborgenheit, Trost, Ermutigung. Das Lernen, das Weitergeben, das Vergeben. Das Kennenlernen, gemeinsame Momente des Glücks. Gemeinsame Momente der Trauer. Das Wunder, die eigenen Kinder heranwachsen zu sehen. Das Lachen. Das Weinen. Das Abschiednehmen. Ich wurde geliebt, ich habe geliebt. Das Gefühl der Versöhnung.

Ich bin unendlich dankbar und weiss jetzt genau: Ich habe gelebt.